Stoppt “Tatort Internet”!

Die RTL-2-Sendung “Tatort Internet”, die ich Ihnen in Folge 55 vorgestellt habe, sieht inzwischen weite Kreise und hat schwerwiegende Konsequenzen für zwei der an den Pranger gestellten Protagonisten. Denn trotz aller angeblicher Vorkehrungen, dass keine Rückschlüsse auf die Identitäten der Betroffenen geschlossen werden konnten, ist es genau dazu gekommen. Zwar wurden die Personen verpixelt und stimmlich verändert – die in den Sendungen angegebenen Nicknames im Chat aber waren teils authentisch, was auch Rückschlüsse auf die Betroffenen zulässt. Einer der Betroffenen leidet seit Bekanntwerden laut “Spiegel Online” unter massiven Bedrohungen und Belästigungen. Auch eine Schmähseite über ihn ist mittlerweile ins Netz gestellt worden. Der zweite Betroffene ist ein 61-jähriger Mitarbeiter der Caritas. Laut “Mainpost” hatte die Hilfsorganisation einen Tipp bekommen und daraufhin Konsequenzen gezogen: Er wurde sofort entlassen und erhielt Hausverbot. Der Mann habe dies akzeptiert – ist aber seit Freitag verschwunden. Es wurde bereits eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Bild.de scheint sich indes über die Konsequenzen solcher öffentlicher Hinrichtungen noch immer nicht im Klaren zu sein und freut sich stattdessen diebisch.

Besonders eine Frage drängelt sich da jetzt auf: Warum hat RTL 2 nicht bereits im Mai, als die entsprechenden TV-Aufnahmen gemacht wurden, die Caritas sofort informiert? Oder gar die Polizei? Der Produzent der Sendung, Daniel Harrich, hat der Süddeutschen Zeitung auf diese Frage folgende Antwort gegeben: Der betroffene Mann habe sich nicht zweifelsfrei strafbar gemacht, daher wäre es “nicht rechtens” gewesen, den Arbeitgeber zu informieren. Merken Sie die Doppelzüngigkeit? Einerseits degradiert die Sendung die betroffenen Personen als Monster und Kinderschänder, andererseits wird aber eingeräumt, dass die Personen keinerlei Straftaten begangen haben – je nachdem, wie es gerade passt. Der wahre Grund, warum RTL 2 vorher weder Arbeitgeber noch Polizei informiert hat, liegt auf der Hand: Möglicherweise hätte dies dazu geführt, dass das Filmmaterial dann nicht mehr hätte gesendet werden dürfen – schon allein um des Schutzes der Persönlichkeitsrechte willen. Die Betroffenen hätten leicht Einstweilige Verfügungen gegen den Sender erwirken können. Aus Sicht von RTL 2 gedacht könnte man ja sogar Folgendes sagen: Der Sender hat fahrlässig Kinderschänder geschützt und Übergriffe der Personen auf weitere Minderjährige riskiert. Spätestens hier sollte deutlich werden: Es geht dem Sender nicht um den Schutz von Kindern, es geht ihm einzig und allein um Effekthascherei und Quote.

Kinderschutzorganisationen distanzieren sich inzwischen deutlich von der Sendung, der hessische Verband der Piratenpartei fordert ein sofortiges Ausstrahlungsverbot. Dem schließt sich Fernsehkritik-TV an. Muss sich einer der Betroffenen erst das Leben nehmen, damit Konsequenzen gezogen werden? Erstaunlich übrigens, dass aus den etablierten Parteien hierzu kaum Stellungnahmen zu bekommen sind. Erstens möchte die Politik wohl nicht den Eindruck erwecken, eine Forderung nach einem Verbot könne zugleich die Jagd auf Kinderschänder relativieren. Zweitens scheint es ja ein Interesse daran zu geben, das Internet als Hort des Bösen zu stigmatisieren (Stichwort “Zensursula”).

EDIT: Der vermisste ehemalige Caritas-Mitarbeiter ist inzwischen wieder aufgetaucht!