Die verwässerte Reportage

Am Donnerstagabend um 21:45 Uhr gab es statt des Magazins “Panorama” mal eine Panorama-Reportage im Ersten zu sehen. Thema: das Fernsehen, genauer gesagt Scripted Reality Dokus. Nanu, so dachte ich: Da traut sich die ARD ja direkt mal was. Die von Anja Reschke moderierte Reportage “Das Lügenfernsehen” lief bereits am 5. Mai im NDR Fernsehen und hat mir damals gut gefallen. Sollte das Erste also jetzt tatsächlich genau diese gut recherchierte Sendung zur Prime Time um 21:45 Uhr zeigen? Nein, leider nicht ganz! Zwar war die Sendung immer noch informativ, es kamen diverse Betroffene zu Wort – und doch war ihr ein gehöriges Maß an Brisanz nun genommen worden.

Schon bei ihrer Erstausstrahlung war der Sendung durchaus anzukreiden, dass sie nicht besonders selbstkritisch war. Die Privaten – das sind natürlich die Bösen. Aber ich fand es in Ordnung, denn es sind ja nun mal die privaten Sender, die uns derzeit mit gefaketen Dokus wie “Mitten im Leben”, “Die Schulermittler” und “Mieten, kaufen, wohnen” erschlagen. Die Überarbeitung der Sendung für die ARD jedoch zeigt, dass es hier jetzt nicht nur um eine journalistische Reportage gehen soll – man will auch gleich ordentlich Propaganda für die Öffentlich-Rechtlichen machen.

Doch der Reihe nach. Schauen wir uns erstmal an, was in der überarbeiteten ARD-Fassung nun fehlte:

* Die Originalversion der Sendung beginnt mit dem Fall Michael Born, der in den 90er Jahren diverse gefälschte Beiträge ans Fernsehen verkaufte. Hauptabnehmer seiner teils hanebüchenen Storys (u.a. über ein angebliches Sekret, das Junkies aus Kröten gewinnen, um high zu werden) war die RTL-Sendung “Stern TV”. Und wer war 20 Jahre Moderator der Sendung? Richtig: Günther Jauch, der auch in der Sendung bei einem Auftritt zu sehen ist.

Warum das in der ARD-Fassung nicht mehr zu sehen war, liegt auf der Hand: Günther Jauch soll ab September der neue Talk-Star im Ersten werden, deswegen möchte man jegliche kritische Berichterstattung im Zusammenhang mit seiner Person natürlich nicht sehen. Außerdem liegt der ARD vermutlich immer noch die gefälschte Neurodermitis-Reportage im Magen – und deswegen will man sich mit dem journalistischen Fingerzeig auf andere gar nicht erst aufs Glatteis begeben. Da hat man es mit den Fake-Dokusoaps natürlich einfacher.

* In der NDR-Fassung wird ein Interview mit Karl-Heinz Angsten von der TV-Produktionsfirma “Good Times” gezeigt, die auch schon für “Mitten im Leben” verantwortlich war. Angsten spricht darin über den großen Druck und Konkurrenzkampf unter den Produzenten und daraus ableitend über die aus Zeitmangel magere Recherche und die möglichst billigen Produktionskosten.

Eigentlich waren die durchaus interessanten O-Töne von Angsten einer der Höhepunkte der Sendung – in der ARD-Fassung jedoch fehlte das Interview mit ihm nun komplett. Der Grund ist womöglich folgender: “Good Times” produziert auch Sendungen für die Öffentlich-Rechtlichen, zum Beispiel erst kürzlich für den NDR “Die Lebensretter”:

Wahrscheinlich wollen sich die ARD und “Good Times” eine künftige Zusammenarbeit nicht verscherzen – und deswegen ließ man das Interview mit dem Produzenten einfach komplett im Mülleimer verschwinden.

* Komplett fehlt auch der Teil, der sich mit der RTL-Streetworker-Doku “Die Ausreißer – Der Weg zurück” beschäftigt. Reschke geht (zu Recht) kritisch ins Gericht mit der Sendung und zeigt einen Ausschnitt von der Verleihung des “Deutschen Fernsehpreises” im Jahr 2008, wo der unterirdischen Dokusoap auch noch ein Preis verliehen wird. Dumm nur, dass die ARD ja den Deutschen Fernsehpreis mit vergibt und die Verleihung 2008 sogar in einem öffentlich-rechtlichen Sender, dem ZDF nämlich, gezeigt wurde. Hier wollte man sich wohl nicht selbst ins Knie schießen – und strich die Passage.

* Nach dem Interview mit dem Produzenten Günter Stampf (“Die Schulermittler”), das in beiden Versionen vorkommt, gab es in der NDR-Fassung einen der wenigen selbstkritischen Sätze von Anja Reschke zu hören. Zitat: “Auch öffentlich-rechtliche Sender zeigten Interesse an diesen Erfolgsformaten. Inzwischen gibt es aber deutliche Absagen. ‘Scripted Reality’ findet bislang nur im Privatfernsehen statt – bislang.” Diese Passage wurde in der ARD-Fassung komplett gestrichen. Selbst dieser Ansatz von Reflektion war von den ARD-Oberen offenbar nicht gewollt.

Was auf der einen Seite fehlt, muss auf der anderen Seite natürlich neu hineingenommen werden.

* So besucht Reschke etwa in der überarbeiteten Fassung den ehemaligen Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling (CDU), der im Jahr 1984 maßgeblich verantwortlich für die Einführung des privaten Fernsehens in Deutschland war. Reschke führt dem alten Mann auf einem Laptop genüsslich eine Folge “Mitten im Leben” vor. Nach dem Motto: Schauen Sie mal, was Sie mit der Einführung des kommerziellen Fernsehens angerichtet haben. Zudem moderiert sie die kleine Vorführung mit einer falschen Behauptung an: “Ich möchte Ihnen gern mal vorführen, was 30% der Jugendlichen – und zwar aller Jugendlichen – nachmittags gucken.” Das ist Nonsens: Der Marktanteil von 30% für “Mitten im Leben” bezieht sich nur auf die Jugendlichen, die zu dem Zeitpunkt Fernsehen gucken. Alle Jugendlichen, die die Kiste ausgeschaltet lassen (und das ist die große Mehrheit), sind da nicht mit einberechnet.

Schwarz-Schilling betont, dass er glaubwürdiges Fernsehen für notwendig hält, nennt dabei aber keine Sender. Reschke lässt deshalb direkt danach gleich den Satz los: “Je länger ich mich mit dem privaten Fernsehprogramm beschäftige, desto weniger glaube ich, was ich sehe.” Die Suggestion ist eindeutig.

* Reschke besucht des weiteren den medienpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Börnsen. Auch ihn konfrontiert sie wieder mit Scripted Reality. Und es kommt schließlich von ihr die reichlich manipulative Frage: “Ist es das, was die Union sich vorgestellt hat, als der private Rundfunk eingeführt wurde?” Börnsen antwortet klar “Nein”. Auch hier ist wieder ersichtlich, was beabsichtigt ist: Nun schauen Sie sich mal an, lieber CDU-Politiker, was uns die Einführung des privaten Fernsehens beschert hat, nämlich nur Fälschungen und Lügen. Eingerahmt wird das Interview übrigens von der Melodie von “Ein Männlein steht im Walde” und Reschkes zynischem Kommentar: “Immerhin verspricht er uns, etwas zu tun. Bemerkenswert für die Union, die doch stets Förderer des Privatfernsehens war.” Börnsen soll wohl ein wenig als veralteter Trottel abgestempelt werden.

Reschke betont übrigens immer wieder den geringen Informationsanteil bei den privaten Sendern, verschweigt dabei aber natürlich, dass erst vor wenigen Tagen die Otto-Brenner-Stiftung in Zusammenarbeit mit netzwerk recherche festgestellt hat, dass Infotainment und Boulevard bei ARD und ZDF spürbar zunehmen. ARD-Programmdirektor Volker Herres sah sich umgehend genötigt, eine Pressemitteilung herauszugeben, in der er den Vorwurf zurückwies, der Informationsanteil im Ersten sei zurückgegangen. Die Otto-Brenner-Stiftung wiederum teilte kurz darauf in einer weiteren Pressemitteilung mit, dass sie dies gar nicht behauptet habe. Herres scheint geradezu panisch zu werden, wenn es um Kritik am Informationsprogramm der ARD geht. Allein deshalb wollte man wohl die Chance nutzen, mit der Reportage “Das Lügenfernsehen” von den eigenen Defiziten ein wenig abzulenken.