Das Märchen von den “Sehgewohnheiten”

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“In den letzten Jahren hat sich im Showbereich sehr viel verändert.” Unter anderem mit diesem Satz begründet ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler die Entscheidung, “Wetten, dass…?” zum Jahresende einzustellen. Die “Sehgewohnheiten” hätten sich geändert, hieß es weiter in einer Pressemitteilung des ZDF. Der Aufwand der Show stehe nicht im Verhältnis zur Zuschauer-Resonanz.

Merken Sie was? Das ZDF übt null Selbstkritik. Himmler teilt sogar obendrein mit: “Großen Respekt habe ich vor Markus Lanz, der Redaktion und dem Produktionsteam.”

Himmler tut so, als sei bei “Wetten, dass…?” im Prinzip alles in Ordnung, die Show sei nach wie vor ein TV-Ereignis – nur der dumme Zuschauer kapiere das eben nicht, weil sich ja seine Sehgewohnheiten verändert hätten. Das ist natürlich Unfug.

Als Markus Lanz vor gerade mal eineinhalb Jahren das Ruder bei “Wetten, dass…?” übernommen hatte, lag die Show noch deutlich im zweistelligen Millionen-Bereich. Gottschalk hatte zwar auch ein paar Durchhänger, aber insgesamt war ein hohes Quoten-Niveau vorhanden. Das Team um Markus Lanz hat es also innerhalb von 18 Monaten geschafft, die Zuschauer derart massiv zu verjagen, dass nicht mal mehr die Hälfte der einst 13 Millionen zuguckten. Und das soll nur an veränderten Sehgewohnheiten liegen? 

Nein, die Fehler sind natürlich hausgemacht. Die Zuschauer sehnen sich nach gemeinsamen Kaminfeuer am Samstagabend – auch heute könnte “Wetten, dass…?” noch eine zweistellige Millionenzahl an Zuschauern erreichen. Quoten wie im Fußball oder beim “Tatort” sind natürlich auch im Showbereich möglich. Nur muss die Show es eben schaffen, sich interessant zu machen, zum Tagesthema zu werden, die Neugier der Zuschauer wecken – und all das vermochte “Wetten, dass…?” nicht mehr.

Gründe dafür gibt es mehrere:

1.) Die Show hat sich viel zu sehr auf den Moderator konzentriert. Dies ging zu Gottschalks Zeiten schon los, als dieser etwa in Senf baden musste oder sonstige Albernheiten. Bei Lanz wurde dies noch weiter auf die Spitze getrieben: Die “Lanz-Challenge” stellte den Moderator so in den Mittelpunkt, dass dieser dem als Person nicht gerecht wurde. Markus Lanz ist nun mal ein Moderator – mehr nicht. Er ist weder ein Star noch ein Entertainer. Der Star der Show sind die Wetten. Der Einzige, der das im Grunde wirklich verstand, war Frank Elstner selbst.

2.) Markus Lanz ist viel oft im Fernsehen. Seine Talkshow läuft dreimal pro Woche, dort interviewt er die teils unterste Schublade der deutschen Promi- und Celebrity-Welt. Lanz steht nicht für die A-Klasse des Fernsehens. Man kann nicht eine so niveaulose Talkshow moderieren und zugleich die bedeutendste Samstagabendshow. Der Zuschauer sieht in Lanz nicht den großen Showmoderator, sondern den, der andauernd Dschungel-Interviews führt und die FDP hofiert. Das kann nicht funktionieren.

3.) Ganz entscheidend ist der Fremdschäm-Faktor: Die Causa Tom Hanks hat “Wetten, dass…?” einen erheblichen Schaden zugefügt. Wir Deutschen fühlten uns als Nation blamiert und hätten uns am liebsten bei Tom Hanks persönlich dafür entschuldigt, dass er sich eine alberne Katzenmütze aufsetzen musste. Als dann auch noch Hollywood-Star Gerard Butler sich Eiswürfel in den Schritt kippen musste, war das Maß endgültig voll – zumal die legendär miese Mallorca-Ausgabe für diverse Zuschauer ohnehin den Schlusspunkt bedeutete. Zu Beginn der neuen Saison im Herbst 2013 teilte Markus Lanz zwar mit “Wir haben verstanden”, aber da war es zu spät.

4.) Fernsehen der absoluten A-Klasse – das zeichnete “Wetten, dass…?” viele Jahre aus. Wer Gast in dieser Show war, gehörte zur obersten Kategorie. Michael Jackson war da, Madonna war da, der Bundeskanzler war da, Tom Cruise war, Leonardo diCaprio und Steven Spielberg waren da. In keiner anderen europäischen Fernsehshow traten Stars solch eines Kalibers auf. Und was geschah dann in den vergangenen Jahren vermehrt? Comedians wie Atze Schröder wurden zu Dauergästen, selbst Dschungelcamp-Teilnehmer waren da. Die Show senkte eigenmächtig ihr hohes Niveau. Der Wechsel von Show-Titan Gottschalk zu TV-Moderator Markus Lanz markierte dies dann auch an der Spitze der Sendung.

Dass die Show nun eingestellt wird ist dennoch richtig, denn sie war nicht mehr zu retten. Die Zuschauer wären nicht mehr zurückgekommen – selbst wenn “Wetten dass…?” zu alten Qualitäten zurückgefunden hätte. Was wäre wohl gewesen, wenn damals Hape Kerkeling doch Ja gesagt hätte und er nun statt Lanz Präsentator der Show wäre? Tja, wenn das Wörtchen “wenn” nicht wäre…

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