Jörg Kachelmann hat (leider) Recht

Das war ja schon harter Tobak, was der ehemalige ARD-Moderator und Wetterexperte Jörg Kachelmann da heute in seinem Blog heraushaute. Er wirft dem WDR nicht nur Versagen im Zusammenhang mit der Berichterstattung über das schwere Unwetter am Pfingstmontagabend vor, sondern macht sogar WDR-Intendant Tom Buhrow persönlich verantwortlich dafür, dass sechs Menschen während der Wetterkatastrophe ums Leben kamen und weitere teils schwer verletzt wurden.

Nun ist es immer schwierig, jemanden indirekt verantwortlich zu machen, wenn Menschen sterben. Richtig aber ist, dass der WDR gestern als öffentlich-rechtlicher Sender komplett versagt hat. Denn zu seinen Aufgaben gehört es natürlich auch, rechtzeitig und deutlich Unwetterwarnungen zu kommunizieren und in besonders gefährlichen Situationen auch als vermittelndes und helfendes Medium zu agieren. Und wie das Ganze innerhalb des WDR strukturiert ist, dafür ist letztlich die Chefetage des Senders verantwortlich – wer sonst?

Kachelmann, der selbst viele Jahre lang als Wetterexperte im TV tätig war und daher weiß, wovon er spricht, hatte bereits am Pfingstmontagmorgen angedeutet, dass da etwas Schlimmes auf die Region NRW zukommen könnte, denn von Westen her braute sich bereits kräftig was zusammen:

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Natürlich lässt sich hinterher immer sagen: Da hat es einer besser gewusst. Und zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass der WDR jede offizielle Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes umgehend meldet. Aber reicht das? Unwetterwarnungen gibt es öfter mal, man überhört sie auch leicht mal. Rundfunk und Fernsehen hätten am Pfingstmontag, insbesondere in den frühen Abendstunden, viel eindringlicher vor einem schweren Unwetter warnen müssen. Um 18:25 Uhr jedenfalls veröffentlichte Wetter Online diese eindeutige Grafik, die das heranrauschende Unwetter bereits deutlich dokumentierte:

unwetter

 

Die gelben Punkte sind übrigens Blitze und dokumentieren, was da in geballter Form im Anmarsch war.

Der WDR übertrug den ganzen Nachmittag und Abend live das Birlikte-Festival in Köln, welches zum 10. Jahrestag des Nagelbomben-Anschlags mit 22 Verletzten in der Kölner Keupstraße veranstaltet wurde. Auch zu dieser Zeit. Diverse Größen aus dem deutschen Musik-Business wie Udo Lindenberg, BAP und Clueso traten auf. Der WDR begleitete dieses Ereignis auch auf Twitter live mit immer wieder neuen Meldungen wie etwa dieser hier:

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Das war um 19:26 Uhr, als in Belgien bereits die Katastrophe real war und die ersten Bilder von dort auch uns erreichten. Spätestens, allerspätestens hier, hätte der WDR auf allen Ebenen eine deutliche und unmissverständliche Warnung herausgeben müssen – hat er aber nicht. Der Fokus des WDR lag ausschließlich auf diesem Festival – im Fernsehen, im Rundfunk, auch auf Twitter und Facebook. Dabei wäre im Fernsehen eine gute Gelegenheit gewesen. Wollte man möglicherweise nicht innerhalb des Übertragung des Birlikte-Festivals damit kommen (immerhin ja ein sensibler Anlass), so wäre ja die zwischendurch ausgestrahlte “Aktuelle Stunde” von 19:10 Uhr bis 19:30 Uhr die ideale Gelegenheit gewesen. Dass es tagsüber bereits zu einigen kleinen Unwettern gekommen war, wurde in der Sendung zwar zum Thema gemacht, allerdings immer mit Blick auf die Vergangenheit. Und ein in einem Beitrag interviewter Wetterexperte von MeteoGroup gab eher einen missverständlichen, als hilfreichen O-Ton ab:

torstenwalter

 

Zitat: “Wir können nur anhand des Radars derzeit genaue Prognosen abgeben, allerdings erst einige Stunden vorher. Wir können also noch nicht sagen mit großer Bestimmtheit, welche Region heute Abend und in der kommenden Nacht am stärksten von Gewittern betroffen sein werden.” Dieser gesendete O-Ton war mit Sicherheit schon einige Stunden alt, denn zu diesem Zeitpunkt war bereits eindeutig zu prognostizieren, wohin die Reise geht. Die “Aktuelle Stunde” wäre besser beraten gewesen, eine Live-Schalte zu einem Wetterdienst zu organisieren oder einen Experten live im Studio zu begrüßen. Zum Ende der Sendung dann folgt der Wetterbericht, der wortwörtlich so lautete: “In der Nacht, da gibt es Regen, auch heftige Gewitter, Hagel und Sturmböen sind drin. Später klart es auf, die Temperaturen: ja, es bleibt mild, 21 bis 16 Grad. Es kühlt also wenig ab. Morgen am Dienstag dann sommerlich und wieder schwül warm. Erste Gewitter am Vormittag, nachmittags und abends wieder heftige Gewitter, Hagel und Sturmböen möglich. Temperaturen 26 bis 30 Grad, an der Weser auch bei 32 Grad. Am Mittwoch auch Gewitter, später dann vom Münsterland her Sonne. 22 bis 26 Grad, es ist nicht mehr ganz so warm. Donnerstag und Freitag heiter und trocken und angenehm warm.” Wir machen uns nochmal klar: Zu einem Zeitpunkt (kurz vor 19:30 Uhr), als ein schweres und lebensbedrohendes Unwetter schon eindeutig absehbar war, gab es in der “Aktuellen Stunde” keine einzige klare Warnung. Diese hätte spätestens zu diesem Zeitpunkt erfolgen müssen – und zwar über TV, Radio und Internet.

Der WDR schaltete dann wieder zurück zur Übertragung des Birlikte-Festivals und unterbrach diese erneut um 20 Uhr für die “Tagesschau”. Auch hier war in der gesamten Sendung keine Rede von einer nahenden Wetterkatastrophe, obwohl das Unwetter inzwischen schon heftigst über NRW wütete. Unser Tschernobyl-Fan und Unwetter-Filmer Gerrit nahm genau zu diesem Zeitpunkt ein Video auf, das u.a. später in den Yahoo-Nachrichten gezeigt wurdeIn der parallel laufenden “Tagesschau” wurde lediglich im Wetterbericht am Ende auf die Wetterlage eingegangen – und zwar mit folgenden Worten: “Zwischen einem Hoch an der Adria und einem Tief bei Irland strömt morgen noch heiße Luft zu uns. In den folgenden Tagen kühlt es etwas ab. In der Nacht ziehen über den Norden und Westen noch einige zum Teil unwetterartige Gewitter. Es gibt entsprechende Warnungen des Deutschen Wetterdienstes. Weiter Richtung Süden und Osten ist es oft klar. Morgen wird es im Osten wieder meist sonnig. Auch sonst ist es zunächst oft freundlich. Später entladen sich gebietsweise Gewitter mit Unwetterpotenzial durch kräftigen Regen und Hagel. Auch mit schweren Sturmböen ist zu rechnen. Sonst weht der Wind schwach bis mäßig. In der Nacht in der Pfalz laue 23, auch in Berlin noch 20 Grad. In den Alpentälern nur 11. Morgen Höchstwerte von 21 Grad an der Nordsee bis örtlich 37 Grad im Osten. Mittwoch ist es nicht mehr so heiß. Im Norden und Westen scheint oft die Sonne, sonst gibt es neben freundlichen Abschnitten einige Schauer und Gewitter, die zum Teil heftig sind. Der Donnerstag wird überwiegend freundlich, ganz im Süden gibt es noch einzelne Gewitter. Am Freitag im Norden zunehmend unbeständig, in der Südhälfte noch sonnig.” Wir stellen fest: Dass es im Westen bereits zu diesem Zeitpunkt heftigst wütet und das ganze Unwetter zeitnah auch weitere Teile von NRW und später Niedersachsen treffen wird, verschweigt die “Tagesschau”. Insbesondere die später schwer betroffenen Einwohner Düsseldorfs wären gewarnt gewesen, hätte man hier eindringlicher die Gefahr kommuniziert..

Und der WDR krönt das Ganze dann noch folgendermaßen: Unmittelbar nach Fortsetzung der Live-Übertragung des Birlikte-Festivals tritt Sandra Maischberger auf die Bühne und verkündet, dass die Veranstaltung abgebrochen werden muss.

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schade

Zitat: “Wir haben eine Unwetterwarnung bekommen. Das Kontrollzentrum sagt, in etwa 25 Minuten gibt es hier Hagel, Sturmböen. Und wir sind angewiesen worden, an diesem Punkt zu sagen: Die Sicherheit der Besucher geht vor.” Die eigentlich geplante Übertragung des Festivals bis 21:45 Uhr wurde also vorzeitig abgebrochen. Der WDR hätte die nun freigewordene Sendezeit spontan nutzen können, um spätestens jetzt massiv zu warnen und über den aktuellen Stand der Dinge zu berichten. Doch weit gefehlt: Als Ersatzprogramm präsentiert man uns “Die 50 größten Bauwerke in Nordrhein-Westfalen”.

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Während der Sendung wird lediglich immer wieder folgender Lauftext eingeblendet: “Sie sehen ein Ersatzprogramm. Aufgrund eines starken Gewitters über Köln wurde die Veranstaltung Birlikte abgebrochen. Wir bitten um Verständnis.”

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Ein starkes Gewitter über Köln – aha. Ist das vielleicht etwas untertrieben angesichts des unglaublichen Unwetters, welches zu diesem Zeitpunkt bereits NRW voll im Griff hatte?

Wenn man sich anschaut, wie sich die Medien heute, also am Tag NACH der Katastrophen-Nacht, auf Bilder von umgestürzten Bäumen, weggerissenen Dächern und beschädigten Häusern stürzen, kann einem einfach nur schlecht werden. Das gilt auch für den WDR. Je spektakulärer desto besser. Die ARD bringt sogar einen “Brennpunkt”. Ist ja toll, liebe ARD: Gestern wäre ein “Brennpunkt” zur besten Sendezeit im Ersten sinnvoll gewesen – möglicherweise wäre dann tatsächlich der eine oder andere menschliche Schaden abzuwenden gewesen. Die Düsseldorfer hätten sich sicher bedankt.

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